Eine Wende in der Gesundheitsversorgung: Antibiotika-Verordnungen gehen massiv zurück

Die Corona-Pandemie hat die Gesundheitsversorgung in Deutschland tiefgreifend verändert. Während die Anzahl der in Gänze verordneten Arzneimittel signifikant gesunken ist, sticht insbesondere der deutliche Rückgang von Antibiotikaverordnungen hervor.

Experten erklären dies unter anderem mit den Corona-Schutzmaßnahmen. Das allein kann diesen massiven Einbruch aber nicht verursacht haben. Wie ist diese Entwicklung dann zu begründen?

Der Rückgang der Antibiotika-Verordnungen in Zahlen

Im zweiten Quartal 2020 lagen die Verordnungszahlen für Antibiotika auf einem absoluten Tiefstand. Statt der noch im Jahr 2019 ausgegebenen 29,5 Millionen Verordnungen waren es im Jahr 2020 lediglich 21,8 Millionen. Das ist ein Einbruch von rund 26,1 %.

Noch eindrücklicher sind die Zahlen der Verordnungen für Kinder zwischen 0 und 6 Jahren. Hier ist ein Rückgang von 44 % verzeichnet worden. Damit haben sich die Verordnungen in dieser Gruppe fast halbiert. Bei den Kindern und Jugendlichen zwischen 7 bis 18 Jahren sanken die Werte um immer noch starke 35 %.

Deutlich moderater war der Einbruch bei der sehr großen Patientengruppe der 18 bis 65-Jährigen. Bei ihnen wurden durchschnittlich 26 % weniger Antibiotika-Verordnungen ausgegeben.

Mögliche Gründe für die Abnahme der Verordnungshäufigkeit

Angesichts der auffälligen prozentualen Veränderungen bei den Kindern und Jugendlichen liegt die Schlussfolgerung nahe, der signifikante Einbruch der Verordnungen hänge mit den Schul- und Kitaschließungen zusammen.

Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) erläutert, dass dieser Faktor allein den flächendeckenden Einbruch nicht erklären kann. Schließlich sei auch bei den Erwachsenen ein spürbarer Rückgang der Verordnungen zu erkennen.

Vielmehr zutreffend ist, dass laut dem TK-Gesundheitsreport 2021 die Infektionskrankheiten im Zuge der Corona-Schutzmaßnahmen insgesamt merklich abgenommen haben (rund – 22 %). Außerdem hat sich der Umgang mit Infektionskrankheiten grundlegend verändert.

Während Arbeitnehmer:innen in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten sich mit der Hilfe von Arzneimitteln trotz Krankheit zur Arbeit gequält haben, um einen zielstrebigen, verantwortungsbewussten und karriereorientierten Eindruck zu hinterlassen, bleiben nunmehr die Menschen öfter Zuhause und kurieren sich aus.

Heute wird die Arbeit trotz Krankheit vielmehr als verantwortungslos eingestuft, birgt es doch die Gefahr, dass weitere Arbeiternehmer:innen angesteckt werden und damit potentiell ausfallen.

Der veränderte Umgang mit Antibiotika

Antibiotika sind nach wie vor die effektivste Waffe gegen Bakterien, aber sie haben mittlerweile einen schlechten Ruf. Rückstände von ihnen finden sich im Abwasser, in unserem Essen, bei manchen Erkrankungen lässt die Wirksamkeit nach und gegen multiresistente Erreger sind sie sowie machtlos.

Besorgniserregende drei Millionen Menschen sollen im Jahr 2005 mit resistenten Erregern infiziert worden sein, gegen die kein Antibiotikum wirksam war. 50.000 Menschen starben. Die Häufung dieser Fälle ruft globale Aktionspläne der internationalen Gemeinschaft auf den Plan. Um in der Zukunft unsere stärkste Waffe gegen Bakterien weiterhin zielführend einsetzen zu können, müssen Antibiotika sorgsam verordnet werden.

Nicht nur bei der Massentierhaltung werden Antibiotika zu unspezifisch verordnet, auch in der Humanmedizin kommt es immer wieder zu einer Überversorgung. Es ist essentiell, dass die Anwendung nur bei bakteriellen und nicht bei viralen Infektionen erfolgt.

Das geeignete Antibiotikum muss behutsam ausgewählt werden. Dabei sollte das Wirkspektrum so breit wie nötig, aber so schmal wie möglich sein. Der Wirkspiegel muss ausreichend hoch sein, aber möglichst niedrig. Außerdem sollte die Anwendungsdauer auf das absolut notwendige Maß begrenzt sein.

Antibiotika könnten Impfwirkung bei Kindern verringern

Es ist unstreitig, dass Antibiotika unzähligen kranken Kindern bereits geholfen haben. Nun gibt eine aktuelle Studie aber den Hinweis auf eine weitere Nebenwirkung. Noch ist unklar wie bedeutend die Ergebnisse der Studie sind, aber sie verunsichert zusätzlich.

Nach einer US-amerikanischen Studie, deren Ergebnisse im Fachblatt „Pediatrics“ veröffentlicht wurden, könnten unterschiedliche Impfungen schlechter wirken, wenn Kleinkinder Antibiotika verschrieben bekommen.

Die verantwortlichen Wissenschaftler der Studie vermuten, dass durch die Einnahme von Antibiotika ein entscheidendes Darmmikrobiom aus dem Gleichgewicht gerät und so der Impferfolg geschmälert wird. Dies ist eine Argumentation, die nach Meinung deutscher Mediziner schlüssig ist.

Schlussendlich zeigt die neue Studie wieder einmal die problematischen Nebenwirkungen von Antibiotika. Nicht nur die Resistenzentwicklung, sondern auch die physiologischen Effekte müssen zu einem sorgfältigen Einsatz von Antibiotika führen.

Verbesserte Antibiotikaverordnung als Teil der Regelversorgung

In der Bundesrepublik Deutschland werden im Jahr durchschnittlich 700 bis 800 Tonnen Antibiotika verwendet. Wird die sogenannte definierte Tagesdosis (DDD) der Weltgesundheitsorganisation WHO betrachtet, liegt der Antibiotikaverbrauch in Deutschland laut einer Statistik der OECD aus dem Jahr 2016 bei 14,6 DDD. Was zunächst viel klingt, ist im internationalen Vergleich vergleichsweise wenig.

Griechenland ist in der Europäischen Union der absolute Spitzenreiter, was den Verbrauch von Antibiotika angeht. Der Wert lag in Griechenland laut der OECD Studie aus dem Jahr 2016 bei 34,0 DDD. Diese erschreckend hohe Zahl liegt vor allem darin begründet, dass Antibiotika in Griechenland bis Juni 2020 nicht verschreibungspflichtig waren.

Angesichts der Gefahr von resistenten Keimen ist aber auch Deutschland trotz seiner guten Regelversorgung gewillt, die Antibiotikaausgaben zu verbessern. Daher wurde im Jahr 2017 ein Projekt mit der Bezeichnung ARena (Antibiotika-Resistenzentwicklung nachhaltig abwenden) gestartet. Das Ziel ist, den Verbrauch von Antibiotika auf ein sinnvolles Maß zurückzufahren und ein dafür notwendiges Problembewusstsein bei Patient:innen und Ärztegemeinschaft zu schaffen.

Die Apotheken haben aufgrund des grundsätzlichen Kontrahierungszwanges in Deutschland keine Einflussmöglichkeiten zur Minimierung beim Antibiotikaeinsatz. Sie sind bei Verordnungen zur Ausgabe auch dann verpflichtet, wenn sie den Verbrauch für nicht erforderlich oder gar schädlich halten.

Apotheken spielen aus diesem Grund keine Rolle bei der Betrachtung des Projektes ARena. Das Augenmerk liegt bei Patient:innen, der Ärzteschaft und den Krankenkassen. Weitere News sind in unserem Betrugerfahrungen.com Blog zusammengefasst.

Unter der Leitung des aQua-Instituts wurden hierfür unterschiedliche Akteure einbezogen:

  • die AOK Rheinland/Hamburg,
  • die AOK Bayern,
  • die Agentur deutscher Arztnetze,
  • 200 Arztpraxen aus Bayern und Nordrhein-Westfalen mit ungefähr 90.000 Behandlungsfällen.

Weiter unterstützt wurde das Projekt von dem AOK-Bundesverband. Das Vorhaben ist finanziert mit Geldern aus dem Innovationsfond des Gemeinsamen Bundesausschusses (Förderkennzeichen 01NVF16008).

Ärzte sollen primär mit dem Projekt Arena unterstützt werden, Antibiotika spezifisch und nicht bei unproblematischen Infektionen einzusetzen. Hierfür erstellte das Projektteam Feedbackberichte mit ausführlichen Daten und Qualitätszirkel.

Sie kombinierten das mit

  • E-Learning-Programmen,
  • einer IT-basierten Entscheidungsunterstützung in der Praxissoftware,
  • einer ergebnisbasierten Vergütung und
  • mit Öffentlichkeitskampagnen, insbesondere einer effektiven Patienteninformation.

Als Grundlage für die Feedbackmitteilungen, Evaluationen und Empfehlungen fungierten die an deutsche Leitlinien angepasste Qualitätsindikatoren des Projekts European Surveillance of Antimicrobial Consumption (ESAC), eines internationalen Surveillance-Netzwerks, das von der Europäischen Kommission gefördert wird.

Nun sollen die Verbände der Kranken- und Pflegekassen auf Ebene des Bundes sowie die kassenärztlichen Vereinigungen analysieren, ob die Erkenntnisse des Projektes praktisch genutzt werden können, um die Regelversorgung zu verbessern.

Über Gastautor: Thomas Fischer ist Apotheker im Ruhestand mit großem Wissen im Bereich Arzneimittelversorgung, Arzneimittelverblisterung sowie Medikationsmanagement. Seit mehr als vier Jahren arbeitet Thomas Fischer nun als Redakteur Gesundheit und Medizin beim Redaktionsteam von g2hp.net, Ihrem Online-Rezept & Online-Arzt Magazin.

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